Ingrid Noll "Ehrenwort"



Es war wieder einmal ein wunderbarer Abend – die Lesung mit Ingrid Noll, im Rahmen des Braunschweiger Krimifestivals 2010. Bereits zum 3. Mal war ich bei einer Lesung der Krimiautorin - und ich war wieder restlos begeistert von dieser Frau, von dieser großartigen Schriftstellerin, der Grand Dame des deutschen Krimis. Ihre Bücher sind mit einer gehörigen Portion schwarzen, zugleich trockenen Humors gewürzt und mit viel Esprit geschrieben. Dementsprechend sind auch die Lesungen von Ingrid Noll, die einfach eine großartige Erzählerin ist. Vorgestellt hat sie in diesem Jahr ihren neuen Roman „Ehrenwort“. Gern erinnere ich mich auch an die Buchvorstellungen „Ladylike“ und „Kuckuckskind“.



Der neue Roman erzählt von drei Generationen, die unter einem Dach leben: Student Max, die Buchhändlerin Petra, Ingenieur Harald und Willy Knobel, hoch betagt. Trautes Heim, Glück allein? Zwischen Maxiwindeln und mörderischer Eisenstange spielt diese bitterböse Kriminalkomödie. Ingrid Noll erzählt von einer Familie, die das Altern anpackt – auf unkonventionelle Art. Ein halsbrecherischer Sturz bringt den fast 90-jährigen Willy Knobel ins Krankenhaus. Die Prognosen stehen schlecht, die Ärzte rechnen mit ein paar wenigen Wochen. Trotz der lauten Proteste seines Sohnes Harald setzt dessen Frau Petra es durch, dass der Alte bei ihnen zu Hause gepflegt wird. Lange würde es ja nicht mehr dauern. Dass Max mit seiner Vanille-Pudding-Kur es schaffen würde, den Großvater wieder auf Vordermann zu bringen, hätte keiner gedacht. Je besser sich der Umsorgte fühlt, desto mehr beginnt das Leben von Harald und Petra aus den Fugen zu geraten. Während sich die beiden den Kopf darüber zerbrechen, wie sie den Störenfried ohne Aufsehen loswerden, bandelt Max mit der Pflegerin Jenny an. Doch die hat ein dunkles Geheimnis. Ingrid Noll zeigt in ihrer bitterbösen Komödie, dass es ebenso wenig heile wie heilige Familien gibt. Sehr wohl aber schöne Momente in der menschlichen Begegnung – egal, in welchem Alter.

Erschienen ist der Roman, wie alle anderen Bücher von Ingrid Noll, im Diogenes Verlag.

Ingrid Noll wurde 1935 in Shanghai geboren und wuchs in Nanking auf. 1949 kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland, machte dort ihr Abitur und studierte an der Universität Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Erste Schriftstellerversuche in der Jugendzeit scheiterten – erst im Alter von 55 Jahren gelang ihr der Durchbruch mit Der Hahn ist tot. „Erst mit 55?“ Früher habe sie einfach keine Zeit für so einen Luxus gehabt, sagt Noll. Sie habe drei Kinder aufgezogen und in der Arztpraxis meines Mannes mitgearbeitet. Aber das Schreiben sei tatsächlich schon immer ihr geheimer Wunsch gewesen von Kindheit an. Ich empfehle gern die Bücher aus der Feder von Ingrid Noll, nicht nur gut zu lesen, jetzt im Bücherherbst, sondern eigentlich immer…

Krimis von Ingrid Noll:
• (1991) Der Hahn ist tot
• (1993) Die Häupter meiner Lieben
• (1994) Die Apothekerin
• (1996) Kalt ist der Abendhauch
• (1997) Der kleine Mord zwischendurch (Kurzkrimis)
• (1997) Stich für Stich (Stories)
• (1998) Röslein rot
• (2001) Selige Witwen
• (2001) Der Schweinepascha
• (2001) Die Sekretärin
• (2003) Rabenbrüder
• (2003) Wer reist, ist selber schuld. Geschichten aus fünf Erdteilen
• (2004) Falsche Zungen (Stories)
• (2006) Ladylike
• (2008) Kuckuckskind
• (2010) Ehrenwort