Käpt`n-Dinner

Beim Schmieden neuer Reisepläne wärmte meine Freundin neulich eine Begebenheit auf, die sich auf einem unserer Flüge nach Paris ereignet hat. „Käptn Dinner“, ist das Stichwort dieser Reiseanekdote, die uns aufgrund der Situationskomik immer wieder zum Lachen bringt und sich so ereignet hat…

Auf der Suche nach dem günstigsten Flug nach Paris, habe ich ein Schnäppchen bei einem so genannten Taxiflieger gebucht. Der Flug war so günstig, dass ich gleich noch den angebotenen Imbiss, bestehend aus einem belegten Baguette und einem Kaltgetränk dazu gebucht habe. Schließlich dauert der Flug nach Paris ca. 90 Minuten und da kann sich schon mal der kleine Hunger einstellen. In Vorfreude auf ein schönes Wochenende in unserer Lieblingsstadt, haben wir uns auf den Weg zum Flughafen gemacht. Dort angekommen sind wir direkt zum Schalter der Airline gegangen, um einzuchecken. Ich zeige das Online-Ticket und alles war soweit okay bis auf die Tatsache, dass der Voucher für den Imbiss fehlt. Die freundliche Dame am Check in macht mich sofort darauf aufmerksam und verweist mich an den Infostand der Airline. Hier hat ein netter junger Mitarbeiter Dienst, dem ich mein Anliegen vortrage.

„Ich habe den Voucher für den Imbiss in der Anhang-Datei übersehen und nicht ausgedruckt. Können Sie einen Gutschein ausstellen? Sehen sie, hier auf dem Ticket steht, dass der Imbiss gebucht und bezahlt ist.“ „Sie hätten aber den Voucher im Anhang mit ausdrucken müssen“, antwortet er, „da kann ich leider nichts machen.“
„Tut mir leid, das habe ich wirklich übersehen“, sage ich geknickt. „Tut mir auch leid“, antwortet der noch freundliche Mitarbeiter, „ohne den Voucher kann der Bordservice ihnen keinen Imbiss servieren.“ „Das haben wir schon gehört, darum sind wir hier.“… „Können Sie wirklich keinen Gutschein ausdrucken?“, hake ich nach. „Hier auf dem Ticket ist doch alles vermerkt die Buchungsnummer etc. und auch unser Imbiss!“…



Ich sehe wie er seine linke Augenbraue hochzieht. Der gute Mann macht einen leicht genervten Eindruck. Um Schadensbegrenzung bemüht, immerhin schlägt der Imbiss mit 20,- € zu Buche, greift er zum Telefon, um in der Buchungszentrale anzurufen. Er bittet mich um etwas Geduld, die Zentrale will sich kümmern. Dann wendet er sich anderen Fluggästen und ihren Belangen zu. Meine Freundin und ich gehen ein Stück weiter, bleiben jedoch in Sichtweite, um das weitere Geschehen am Infostand beobachten zu können. Es vergehen ca. fünfzehn für mich aber gefühlte 60 Minuten, in denen sich nichts ereignet hat. Also frage ich noch einmal freundlich nach.

„Hat sich schon etwas getan?“
„Die Zentrale will ein Fax senden.“
„Könnten sie es bitte noch einmal versuchen? Wir müssen ja noch durch die Kontrolle. Unser Flug geht in 30 Minuten!“

Er greift erneut zum Hörer, diesmal trägt er unser Anliegen mit Nachdruck vor. „Sie arbeiten daran. Ich gebe Ihnen ein Zeichen, wenn das Fax da ist.“ Ich habe Hoffnung, dass es doch noch klappt mit dem Gutschein und observiere nun zwei Objekte gleichzeitig, den Infoschalter der Airline und die große Uhr über der Abflugtafel. Nervös gehe ich auf um ab. Die Baguettes sind bezahlt, vom Konto abgebucht. Es geht ums Prinzip, ich will sie haben, die französischen Brote und in der Luft auf dem Flug nach Paris verzehren…

„Ich verstehe das wirklich nicht“, sage ich zu Anne, „die müssen uns den Imbiss geben, wenn ich das Ticket vorzeige. Die haben doch die Bestellung vorliegen. Irgendjemand belegt die Baguettes. Also auch unsere. Die Dinger sind sicher abgezählt.“ Langsam stellt sich bei mir Reizüberflutung ein. Vor dem Infoschalter wedele ich erneut mit der Buchung herum und zeige noch einmal, dass ich Käse- und ein Salamibaguettes für Hin- und Rückflug gebucht und auch bezahlt habe. Den Mitarbeiter fixiere ich ganz fest mit meinen Augen. Er merkt meinen Blick, greift nun ohne, dass ich etwas gesagt habe, zum dritten Mal zum Telefonhörer.

„Wenn dieser Gutschein nicht in fünf Minuten hier ist, mache ich die Bude zu!“, brüllt er ins Telefon. Das nenne ich Kundenservice! In freudiger Erwartung, dass es nun klappen wird, bleibe ich prompt vor dem Tresen stehen und mache ein freundliches Gesicht. Jedoch es tut sich wieder nichts und die Zeit wird knapp und knapper.

„Wir müssen los“, mahnt Anne. Sie hat die Baguettes schon vor einer halben Stunde angehakt. „Ist doch egal, dann essen wir halt eine Kleinigkeit in Paris.“ „Ist nicht egal!“, sage ich mürrisch. Dennoch bedanke ich mich artig, beim Mitarbeiter am Infostand für seine Bemühungen. Es holt tief Luft, bedauert noch einmal unendlich und ist sichtlich froh, dass wir nun endlich in der Abflughalle verschwinden.

Wir sitzen im Flugzeug, rollen über die Startbahn, der Käptn gibt Schub, wir heben ab. Wunderbar. Der Start ist bei jedem Flug, das Größte für mich. Nach Erreichen der Flughöhe wird das Servicepersonal aktiv. Sie rollen ihre Servierwagen durch den Gang, bieten belegte Baguettes, kleine Snacks und Getränke zum Verkauf an. Ich sitze schon gespannt wie ein Flitzebogen da, beobachte das Geschehen und warte brennend darauf, endlich angesprochen und bedient zu werden. Natürlich habe ich meinen Buchungsbeleg zur Hand. Die Flugbegleiterin kommt zu uns, begrüßt uns freundlich, fragt nach unseren Wünschen.

„Die Sache ist die“, sage ich, „wir haben den Spar-Imbiss gebucht. Schauen sie hier, auf dem Ticket steht es. Wir hätten gern ein Käse- und ein Salamibaguette, dazu zwei Kaltgetränke. Cola wenn sie haben.“ Die junge Dame schaut sich den Beleg an. „Haben sie den Voucher dabei?“ Ich ahne nichts Gutes. „Nein leider nicht.“ Es tut mir wirklich leid, aber ich brauche den Voucher. Sie können den Imbiss kaufen, das macht dann zusammen 10,-€." „Ich habe doch schon 10,- € bezahlt, da steht es doch!“
„Wirklich, es tut mir sehr leid. Wir haben unsere Vorschriften. Möchten sie nun etwas kaufen?“ „Nein!“, mir ist der Appetit vergangen. Anne nimmt aus Solidarität auch nichts. Die Flugbegleiterin bewahrt Haltung und rollert mit ihren Servierwagen weiter. Die Passagiere vor uns zücken freudig ihre Gutscheine und laben sich an den belegten Baguettes. Ich denke bis zur Landung darüber nach, was aus unserem Imbiss wird.

„Und was passiert jetzt? Schmeißen sie unsere Baguettes weg oder was? Oder fliegen die Dinger wieder zurück nach Deutschland?“

Anne hat eine plausible Antwort parat: „Die futtert bestimmt der Käptn, schließlich hat er auch Hunger.“ „Dann kann er uns doch zum Käptn Dinner ins Cockpit einladen“, sage ich, „schließlich hat der Flugkapitän hier was zu sagen und wenn der uns ein Baguette spendiert, geht das auch ohne Voucher.“…

Bei der Landung in Paris knurrt uns der Magen. Wir schnappen unser Gepäck und nehmen uns ein Taxi. Wir wollen noch Freunde treffen, bevor wir ins Hotel gehen. „Vielleicht bekommen wir dort etwas zu essen. Sie sind immer sehr gastfreundlich.“ Jedoch es ist schon spät, mehr als ein alkoholisches Begrüßungsgetränk und etwas zu Knabbern wird uns nicht angeboten. Vom Wein bekommen wir aufgrund des leeren Magens sofort einen Schwips. Müde und hungrig verabschieden wir uns und gehen ins Hotel. „Vor dem Hotel ist ein Imbiss“, sage ich, „da bekommen wir bestimmt noch etwas.“ Jedoch auch hier Fehlanzeige, der Laden hat schon zu und da wir außerhalb des Zentrums wohnen, ist breit und breit kein anderes Restaurant zu finden. Auch im Hotel ist auch nichts mehr zu bekommen. Wir bekommen legiglich den Zimmerschlüssel, den uns der Nachtportier mit einem müden „Bonne Nuit!“ überreicht. Ergänzend fügt er noch an, dass wir morgen früh einchecken sollen, bei seinem Kollegen von der Tagschicht. Vor Hunger finden wir kaum in den Schlaf, doch letztendlich siegt die Müdigkeit. Wir schlummern einem neuen Tag entgegen. Vielleicht lag ja die ganze Misere daran, dass wir an einem Freitag, dem 13. geflogen sind?...

Zeitig sind wir wach, meine Freundin noch zeitiger, denn sie ist eine Lerche, das heißt eine Frühaufsteherin. Sie ist schon fertig geduscht und angezogen. Auch ich mache nun schnell. Wir rennen fast zum Frühstückbüfett, wo wir kräftig zulangen. Frische Croissants mit Butter und Marmelade, Kaffee, Orangensaft. Der Magen füllt sich, ich bin mit der Welt wieder versöhnt. Paris wir kommen! Mit der Metro fahren wir ins Zentrum. Wir haben wie immer eine schöne Zeit, erledigen unser Besichtigungsprogamm, treffen uns mit Freunden. Alles verläuft wie geplant und die Zeit, die verläuft wieder einmal viel zu schnell.

Auf dem Rückflug, für den ich natürlich auch das Superspar-Imbiss-Angebot gebucht habe, versuche ich erst gar nicht, die Flugbegleiterin davon zu überzeugen, uns den Imbiss gegen Vorlage des Online-Tickets auszuhändigen. Stattdessen gönnen wir dem Käptn von Herzen unsere Baguettes "Bon Appetit!“

Wieder zu Hause angekommen, verfasse ich sofort einen Brief an die Airline und schildere die Angelegenheit. Und siehe da, kurze Zeit später bekomme ich Antwort. In dem Schreiben entschuldigt sich der Billigflieger und räumt ein, dass hier wohl Verbesserungsbedarf besteht. „Mein Reden! Ich hatte es doch schriftlich, nur nicht auf diesem blöden Voucher!“ Die 20,- € für nicht verzehrten Baguettes werden anstandslos zurückerstattet. Also hatte ich mit meiner Vermutung doch recht, dass unsere belegten Brote übrig geblieben sind.

Das erstattete Geld haben meine Freundin und ich dann in ein leckeres Frühstück investiert, bei dem sie bemerkte:

„Man gut, dass sie uns das Geld zurück geschickt haben und nicht die ollen Baguettes. So haben wir doch noch einen netten Vormittag als Entschädigung."...