Der Abend

Gemälde von Caspar David Friedrich
um 1820
(Niedersächsisches Landesmuseum, Hannover)



Es ist so still geworden,
verrauscht des Abends Wehn
Nun hört man aller Orten
der Engel Füße gehn
Rings in die Tale senket
sich Finsternis mit Macht
Wirf ab, Herz, was dich kränket
und was dich bange macht!

Es ruht die Welt im Schweigen
ihr Tosen ist vorbei
stumm ihrer Freude Reigen
und stumm ihr Schmerzgeschrei
Hat Rosen sie geschenket
hat Dornen sie gebracht
Wirf ab, Herz, was dich kränket
und was dich bange macht!

Und hast Du heut gefehlet
o schaue nicht zurück
empfinde dich beseelet
von freier Gnade Glück
Auch des Verirrten denket
der Hirt auf hoher Wacht
Wirf ab, Herz, was dich kränket
und was dich bange macht!

Nun stehn im Himmelskreise
Die Stern´ in Majestät
In gleichem, festem Gleise
der goldne Wagen geht
Und gleich den Sternen lenket
er deinen Weg durch Nacht
Wirf ab, Herz, was dich kränket
und was dich bange macht!

Johann Gottfried Kinkel
1815-1882