Die Badekultur der Deutschen hat im Laufe der letzten Jahrzehnte eine erstaunliche Wandlung erfahren. Ein Wannenbad gilt primär nicht mehr der Körperreinigung bzw. –pflege, sondern der Körperentspannung. Dementsprechend werden Bäder geplant bzw. eingerichtet und mit Behaglichkeitsfördernden Dingen wie Blumen, Kerzen und Duftlampen dekoriert. Tägliches Duschen dient heute der eigentlichen Körperhygiene.
Dass der Tag des Bades an einem Sonnabend stattfindet erinnert mich an meine Kindheit, denn samstags war auch in unserer Familie immer Badetag. Deutschlandweit fand dieses Ritual in vielen Familien statt. Hinzu kommt noch, dass wir damals noch kein Badezimmer hatten. Das wöchentliche Bad fand in unserer "Wellness-Oase" der Küche statt.
Meine Mutter bereitete am Nachmittag heißes Wasser in einem großen Topf auf dem Herd vor. Mein Vater bekam nach dem Kaffeetrinken die Order: „Menne hol die Zinkwanne hoch!“
Diese war in der Waschküche im Keller deponiert. Mein Vater stapfte in den Keller und holte die schwere Wanne hoch. Stets zu einem Scherz aufgelegt, nutzte er den Wannentransport zu einem kleinen Hauskonzert. Beim Hochtragen wurde die Zinkwanne zur Pauke auf die er trommelte bis er oben war. Dies geschah natürlich zum höchsten Unbill unser Mutter: „Menne! Die Nachbarn!“, doch das störte meinen Vater nicht im geringsten. Er hatte seinen Spaß.
In der Küche angekommen, bereitete meine Mutter das Bad vor. Sie füllte heißes und kaltes Wasser ein und gab eine Fichtennadel-Sprudeltablette dazu. Danach prüfte sie Temperatur mit dem Ellenbogen. Als Jüngste in der Familie, stand mir das Recht des ersten Bades zu. Ich wurde in die Wanne gesteckt und gründlich "abgeseift"...
Danach war meine Schwester dran. Das Badewasser wurde nicht erneuert, sondern lediglich mit heißem Wasser aufgefüllt. Nach meiner Schwester stieg meine Mutter in die Zinkwanne und zum Schluss mein Vater. Der konnte sich stets über ein „Vollbad“ freuen, denn aufgrund dreimaligen Nachfüllens reichte sein Badewasser stets bis an den Rand der Wanne. Schwappte etwas über, wenn er in die Wanne stieg, schalt meine Mutter: "Menne, pass doch auf!" Erst nach dem letzten Bad wurde das Badewasser ausgegossen und der Badewannentransporteur durfte die Wanne wieder in den Keller bringen. Nach dem Baden begann der gemütliche Samstagabend, mit einem gemeinsamen Abendbrot. Danach wurden die bunten Familienunterhaltungssendungen in der Flimmerkiste geschaut.
Im Sommer wandelte sich unsere Zinkwanne zum „Swimmingpool“. Morgens wurde kaltes Wasser eingefüllt. Die Sonne erwärmte das Wasser. Nachmittags hatte das Wasser dann eine angenehme Spiel- und Planschtemperatur. Wie man auf dem alten Foto sieht, herrschte in unserem Pool strengste "Badekappenpflicht".
Nach der Zinkwannenära gab es eine weitere Besonderheit, das öffentlich Bad in der Schule. Im Keller der Schule gab es Wannen- und Duschkabinen, die für eine geringe Gebühr genutzt werden konnten. Das war eine tolle Sache. Endlich lernten wir fließendes Warm- und Kaltwasser kennen. Wir Frauen aus der Familie bevorzugten weiterhin das gemeinsame Wannenbad. Mein Vater, der verständlicherweise die Nase voll davon hatte, immer in unserem Badewasser baden zu müssen, nutzte fortan begeistert die Dusche.
Das Schulbadehaus war eine sehr kommunikative Sache. Dort fanden sich samstags viele Familien ein. Es gab einen Warteraum, in dem geklönt wurde und der neueste Dorfklatsch die Runde machte. Der Schulhausmeister achtete strikt auf die Badezeiten und wies den Familien die Dusch- und Badekabinen zu. Er verkaufte auch kleine Päckchen mit Badeschaum oder Shampoo. Mein Vater genoss es, sich die Haare mit Shampoo zu waschen. Vorher benutzte er das Wollwaschmittel Sanso, da er ja eine ordentlich "Wolle" auf dem Kopf hatte. Sanso brannte übrigens tierisch in den Augen, wenn es ausgespült wurde, denn das geschah mit einem kräftigen Schwall lauwarmen Wassers aus einem kleinen Eimer.
Später wurden die Wohnhäuser saniert und Bäder eingebaut. Ende der 60er bekamen auch wir ein Badezimmer, dafür musste unsere gute Vorrats- und Speisekammer weichen.