Poesiealbum

Der 21. März ist der „Weltag der Poesie“. Auf ihrer 30. Generalkonferenz hat die UNESCO den 21. März zum "Welttag der Poesie" ausgerufen. Erstmals wurde er im Jahr 2000 begangen. Der Welttag soll an den Stellenwert der Poesie, an die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern.



Der Welttag der Poesie brachte mich beim Stichwort „Poesie“ auf die Idee wieder einmal mein altes Poesiealbum herauszukramen, um darin zu lesen und in alten Erinnerungen zu schwelgen. Sich in Poesiealben eintragen zu dürfen, galt noch zu meiner Schulzeit als Vertrauens- und Freundschaftsbeweis. Leider ist diese schöne Tradition in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr aus der Mode gekommen. Schon in den 70er Jahren galten die guten alten Poesiealben als verpönt. Die Poesiealben wichen den so genannten "Freundschaftsbüchern", in denen statt Sinnsprüchen, Hobbys, Lieblingsstars, Lieblingssongs und andere Interessen eingetragen werden. Gemein ist beiden Albumvarianten jedoch, dass sie im Freundeskreis weitergereicht werden. Möglichst viele Mitschüler/innen, Freunde und Freundinnen sollen sich darin eintragen. Sehr sittsam und geordnet ging es in meinem und sicher auch vielen anderen Poesiealben jener Zeit zu.

Tradition war es auf die allererste Albumseite zu schreiben: „Wer in dieses Büchlein schreibt, den bitt´ ich sehr um Sauberkeit!“ Danach wurden die leeren Seiten vergeben und in obere rechte Ecke mit Bleistift notiert, wer hineinschreiben durfte. Die erste Seite gehörte der Mutter, es folgte der Vater, dann die Geschwister, die Großeltern und die Lehrer. Es war fast wie beim „Badetag“ am Samstag, da war jedoch anders herum. Erst wurden die Kinder gebadet, dann ging Mutter in die Wanne und zum Schluss kam Vater dran. Hatte sich die Familie im Album verewigt, folgten die zunächst die Schulfreundinnen, dann die Klassenkameraden. Die Albumblätter wurden von den Schreibern reich mit Lackbildern oder kleinen Zeichnungen verziert. Beliebt waren auch „Eselohren“ im Album, die wie Minibriefumschläge aussahen. Klappte man die Ecke auf, fand man im Umschlag einen kleinen Gruß. Grüße wurden auch in alle vier Ecken geschrieben, mit dem Spruch: „In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken“. Schrieb dies ein Junge hinein, so war dies eine geheime Botschaft in Sachen „verknallt“ sein… „So wie die Rosen blühen, so blüht dein Glück und wenn du Rosen siehst, dann denk an mich zurück“, dies schrieb mir Jürgen zu „ewigen“ Erinnerung. Rosen gehören zu meinen Lieblingsblumen und unzählige Male habe ich mich an blühenden Rosen erfreut. Leider habe ich dabei nie an Jürgen gedacht. Gleiches gilt aus für Angelika, die ebenfalls mit diesem Spruch verewigte.

Besonders beliebt war zu jener Zeit der Vers: „Ehre dein Mutterherz so lange es schlägt, wenn es gestorben ist, ist zu spät.“ Aber es gab auch deftige Sprüche, so schrieb Dietmar: „Wenn Ärschle brummt, ist´s Herz gesund.“



Und meine Schulfreundin Ursula mahnte: „Wenn dich böse Buben locken, so sitz zu Haus und stricke Socken.“ Unsere Lehrer hingegen schöpften aus dem großen Repertoire der großen Dichter und Denker: „Immer strebe zum Ganzen; und kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.“ Schiller, setzte die Lehrerin fast mahnend in Klammern darunter. Anita machte den letzten Eintrag: „Rosen im Garten, Tannen im Wald, rufen dich zu, ich komme bald.“ Anita hatte es nicht so mit dem dir und dich und auch nicht so mit dem mir und mich. Leider habe ich nie wieder etwas von Anita gehört und auch nicht von Mirek, der schrieb: „Trennen uns einst ferne Orte, so behalte dennoch lieb, dessen Hand einst diese Worte nieder auf dies Blättchen schrieb.“ Poesiealben sind eine ganz besondere Form der Poesie. Gespickt und angefüllt mit vielen Lebensweisheiten, spiegeln sie den Zeitgeist und bewahren die Erinnerung an eine unbeschwerte Kindheit.