Das 8. Weltwunder - Die Terrakotta-Armee



Einer von vielen Höhepunkten auf meiner China-Rundreise war die Besichtigung der Terrakotta-Armee, die zu Recht als 8. Weltwunder bezeichnet wird. Entdeckt wurde die Terrakotta-Armee am 29. März 1974, als Bauern südlich ihres Dorfes XiYang Brunnen ausschachteten. Anstelle des ersehnten Wassers stießen sie auf Terrakottascherben und Pfeile. Nie und nimmer hätten die Dorfbewohner angenommen, dass diese „merkwürdigen“ Terrakotta-Figuren großes Aufsehen in der Welt erregen würden. Von 1974 bis 1979 haben chinesische Archäologen Ausgrabungen auf einer Fläche von 2000 m² durchgeführt und in der Grube Nr. 1 1087 Soldaten und Pferde aus Ton frei gelegt und sorgfältig restauriert. Am 1. Oktober 1979, dem 30. Jahrestag der Staatgründung der Volksrepublik China, wurde das Museum der Terrakotta-Armee der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Seitdem strömen in diesen zuvor armen und entlegenen Winkel Besucher aus aller Welt. In den Jahren 1989 und 1994 hat man jeweils die Gruben Nr. 2 und Nr. 3 den Besuchern zugänglich gemacht. In den vergangenen 30 Jahren hat sich das Museum so sehr entwickelt, dass es heute zum größten am Fundort erbauten Museums Chinas geworden ist. Rund 1,5 Millionen Menschen jährlich besuchen die Terrakotta-Armee von Xi’an. Im Dezember 1987 wurden das Mausoleum des Kaisers Qin Shihuang und seine Terrakotta-Armee von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.



Dem täglichen Besucheransturm begegnen die Chinesen mit perfekter Organisation. Das „Durchschleusen“ der Touristenmassen verläuft akribisch genau. Ein Heer von chinesischen Gästeführern und Gästeführerinnen steht bereit, um ihre Gruppen zu empfangen und beim Rundgang zu betreuen. Fachlich hervorragend geschult, vermitteln die Gästeführer alles was man zur Terrakotta-Armee wissen muss. Bereits der erste Blick in die Ausgrabungshallen verschlägt einem den Atem. Die Ausmaße sind unvorstellbar- allein die Ausstellungshalle Nr. 1 ist 16000 m² groß. Natürlich sind die Hallen strengstens be- und mit Videoanlagen überwacht. Die Soldaten, die hier ihren Dienst tun verhalten sich jedoch unauffällig. Das Fotografieren nicht gestattet, dennoch zücken die Touristen ihre Digicams, denn jeder ist überwältig und möchte das Unvorstellbare und Einmalige im Bild festhalten. Die wachhabenden Soldaten drücken derweil beide Augen zu und ihre Tonkameraden sagen sowieso nichts.



Gut Betuchte, zumeist dollarschwere US-Touristen, gönnen sich ein ganz besonderes Highlight und buchen Individualbesichtigungen, die es ihnen ermöglichen, direkt auf eine ausgewiesene Stelle der Aufgrabungsstätte zu gehen. Dies zum Leidwesen der „normalen“ Touristen, die sich darum mühen, schöne Fotoaufnahmen zu machen, da an dieser Stelle eine Reihe von wunderschön restaurierten Pferden steht. Die Amis haben sichtlich Freude daran, neben den Terrakotta-Figuren zu posieren und sich ohne Ende fotografieren zu lassen. Dabei versperren sie natürlich die freie Sicht und so muss sich der gemeine Tourist halt gedulden, bis ihm in diesem Bereich ein „amifreies“ Foto gelingt.



Bevor sich die Gästeführer nach dem Rundgang höflich von ihren Touristen verabschieden und ihnen noch Zeit lassen, das große Areal weiter zu erkunden, weisen sie selbstverstädnlich auf den Museumsshop hin, in dem es „und nur in dem!“ zertifizierte Reproduktionen der Terrakotta-Armee in allen nur denkbaren Größen gibt - von der allerkleinsten bis zur mannshohen Figur. Abschließend berichten sie auch, dass längst noch nicht alles freigelegt wurde. Zukünftige Archäologengenerationen haben noch einiges, was sie erforschen und ausgraben können. Man kann es nicht fassen, wie groß das Gelände ist, auf dem weitere Terrakotta-Armeen vermutet werden, bzw. ist man sich zwischenzeitlich sicher, dass es weitere gibt.



Auch das Betreten des Museumsshops verschlägt einem schier die Sprache, denn kaum das man den Laden betreten hat, eilen eifrige Verkäufer herbei, um ihre Figuren anzubieten. Selbst wenn man eine Figur in Originalgröße erwerben möchte, stellt das aus transporttechnischer Sicht kein Problem dar. Die weltberühmten Figuren werden selbstverständlich in alle Ecken der Welt geliefert. Kostet halt dementsprechend extra. Verhandlungsgeschick ist beim Kauf der Figuren gefragt, da die Händler versuchen, einen guten Preis zu erzielen. Angeboten wird neben den Einzelfiguren gern die traditionelle 5er-Gruppe, bestehend aus einem General, einem Bogenschützen, zwei Soldaten und einem Pferd. Die kleinen Figurengruppen gibt es in einer praktischen Transportschachtel. Auch ich kaufte mir eine Gruppe und entschied mich dabei für 20 cm große Figuren. An der Packstation wurde jede Figur einzeln in eine mit Stoff ausgeschlagene Holzkiste gepackt. Den Schweif des Pferdes durfte ich mir aus einer „Grabbelkiste“ aussuchen, da es verschiedene Ausführungen gab. Der Verkäufer grinste breit, zeigte auf das Loch am Hinterteil des Pferdes und machte mir vor, wie man den Schweif in das Loch bekommt. Als alles verpackt war, merkte ich sehr schnell, dass ich mich wohl für die falsche Größe entschieden hatte, denn die Gruppe war schwerer als ich gedacht hatte. Nun da ich sie gekauft hatte, musste ich sie auch schleppen…



Ich tätigte noch einen weiteren Kauf im Museumsshop, denn die eifrigen Gästeführer hatten uns noch ein tolles Buch über die Terrakotta-Armee angepriesen, das es weltweit ebenfalls einmalig nur in diesem Museumsshop geben würde. Dazu wurde uns noch ein Geheimnis verraten dahingehend, dass, wenn wir sehr viel Glück hätten, der Bauer im Museumsshop sein würde, der die Terrakotta-Armee entdeckt habe. Es würde in diesem Fall die wage Möglichkeit bestehen, dass der Entdecker der Terrakotta-Armee unser Buch signiere. Die Gästeführerin berichtete, dass der Bauer ein sehr gefragter und berühmter Mann geworden sei, der viel im Ausland unterwegs wäre, um Interviews zu geben und in Fernsehsendungen aufzutreten. Als wir interessiert fragten, ob er denn eine Belohnung für die Entdeckung dieses unglaublichen Schatzes erhalten habe, bekamen wir zu Antwort, dass ihm die chinesische Regierung ein neues Fahrrad und umgerechnet ca. 30,- € geschenkt habe. Wie bescheiden, da dieser Finderlohn in absolut keinem Verhältnis zu den Devisenmillionen steht, die das Land mit dem Weltkulturerbe verdient. Dem Bauer reicht jedoch die Ehre und darum lässt er es sich nicht nehmen, ab und zu im Museum vorbeizuschauen…



Und wer hätte das gedacht. - "Es war unser Glückstag!“ Tatsächlich war der Bauer anwesend! Bewacht von zwei Bodyguards, die streng darauf achteten, dass ihn niemand, wirklich niemand fotografiert! Ein Autogramm des Bauern gab es natürlich nur in Verbindung mit dem Kauf eines Buches. Der Verkauf der Bücher verlief wie am laufenden Band. An der ersten Station konnte man die Sprache des Buches auswählen. Alle gängigen Weltsprachen waren vorrätig, die Bücher stapelten sich meterhoch hinter dem Verkaufstresen. An der nächsten Station wurden 10,- € pro Buch kassiert - wirklich ein Schnäppchen, denn das Buch hält absolut, was versprochen wurde. Anschließend wurden die Bücher von weiteren Helfern an die richtigen Stelle (Inhaltsverzeichnis) aufgeschlagen und zur Signatur an den Bauern durchgereicht. Mit einem schwarzen Edding schrieb dieser unermüdlich seinen Namen in chinesischen Schriftzeichen in das Buch, derweil seine „Hintermänner“ weiter strikt darauf achteten, dass keine Fotos gemacht wurden. Obwohl mich der Gedanke beschlich, dass es wohlmöglich irgendein chinesischer Bauer gewesen sein könnte, war der Moment, als mir der Bauer das Buch zurückgab und mir ein winzigkleines Lächeln schenkte, einzigartig für mich. Überglücklich dem Entdecker des 8. Weltwunders persönlich begegnet zu sein, verlies ich den Museumsshop.



Bevor es wieder zurück zum Hotel ging, versammelte sich unsere Reisegruppe zum gemeinsamen Abmarsch zum Bus. Wir hatten vom Reiseleiter die Order, nicht allein zu gehen, sondern ausschließlich in der Gruppe. Der Grund war, dass wir durch eine schmale bzw. „hohle Gasse“ gehen mussten, durch die „Sie“ kommen sollten... „Sie“, das waren wirklich Scharen von fliegenden Händlern, die nun ihrerseits ihre echten und „zertifizierten“ Terrakottafiguren feilboten. Man konnte sich der Händler kaum erwehren, sie zupften an einem herum und redeten unermüdlich auf einen ein. Und so wurde aus dem Gang zum Bus, fast ein Spießroutenlauf, derweil die Preise für die Figuren, u. a. für die beliebte 5er-Gruppe immer weiter sanken. Hier hätte ich meine Figurengruppe für ein Drittel des Preises kaufen können, den ich im Museum bezahlt hatte. Ich war verärgert und redete ich mir ein, dass ein Museumsshop seriös und darum etwas Besonderes sei, obwohl ich andererseits keinen Unterschied zu meinen „Original-Reproduktionen“ erkennen konnte.



Angekommen im Hotel war mein Ärger wieder verfolgen und ich freute ich mich über meine Figuren. Als ich die Figuren im Koffer verstauen wollte, merkte ich, dass die Pakete zu groß waren und nicht mehr in meinen Koffer passten, der von Station zu Station sowieso immer schwerer wurde. Mir blieb also nichts anderes übrig, als meinen Terrakottasoldaten eine eigene Heimstatt, also eine neue Reisetasche mit Rollen zu kaufen. Da Xi’an erst die 3. Station auf der Rundreise war, schleppte ich meine Figuren fortan von einem Hotel ins nächste. Stets um die Zerbrechlichkeit der Figuren besorgt, wurde die neue Reisetasche zu meinem ständigen Begleiter. Bei den nachfolgenden Inlandsflügen nahm ich sie mit an Bord als Handgepäck und auch im Reisebus kam ein Verstauen der Tasche im Kofferraum für mich nicht infrage. Jeden Morgen wenn unsere Reisegruppe zu einer neuen Tour aufbrach, lachten sich meine Mitreisenden kaputt, wenn ich mit meiner Terrakotta-Armee angewackelt kam. Die Frage nach dem Befinden meiner Armee und ob noch alles dran sei, wurde zum morgendlichen Ritual. Letztendlich habe ich es geschafft. Meine Figuren sind sicher und unbeschädigt bei mir zu Hause angekommen. Sie stehen nun auf einem Ehrenplatz, zusammen mit dem Buch und weiteren Souvenirs aus China. Jedes Mal wenn ich sie anschaue, denke ich an die wiedererwachte Terrakotta-Armee von Xi’ an und meine unvergessliche China-Rundreise...