Bei dieser Frage gab es für meine Freundin kein halten mehr, sie brach in förmlich zusammen vor Lachen, sie gluckste, die Lachtränen liefen ihr über die Wangen und ihr ganzer Körper bebte. Die Geschichte, deren Höhepunkt eben jenes „Voulez vous?“ war, ereignete sich auf dem Platz vor der Notre Dame in Paris.
Tief beeindruckt vom Kirchenbau, in Erinnerung an den legendären „Glöckner von Notre Dame“ suchten wir uns eine Sitzgelegenheit auf dem Kirchenvorplatz, um alles auf uns wirken zu lassen: Die in Scharen der vorbeiziehenden Touristen, das bunte Treiben der fliegenden Händler, der Akrobaten, der Tänzerin, die sich als schöne Esmeralda versuchte… Diese quirlige Atmosphäre, das - ja genau das ist für uns Paris…
„Lass uns noch eine Zigarette rauchen, dann gehen wir weiter“, sagte ich zu meiner Freundin und zog meine Zigarettenschachtel aus der Handtasche. In diesem Moment bekam einen leichten Stups von rechts. Ich drehte mich zur Seite und schaute den Mann an, der neben mir saß. Er lächelte mich freundlich an, zeigte auf meine Zigarettenschachtel und fragte mich auf französisch:
„Veuillez me donner une Cigarette?“
Aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse verstand ich nur: „Wulee wu“ und natürlich „Cigarett“. Es war leicht zu verstehen, was er wollte, denn schließlich zeigte er ja auch auf meine Zigarettenschachtel. Ich gab ihm eine „Cigarett“ ebenfalls freundlich lächelnd und sagte: „Ün Cigarett siwuple.“ Und schon hatte ich, obwohl ich wirklich nicht der Französischen Sprache mächtig bin, ein Gespräch mit einem echten Franzosen angefangen! Ich jubilierte innerlich, da ich mich doch schon seit Jahren vergeblich darum bemühe, französisch zu lernen. Ja, ich hatte verstanden was er wollte. Angespornt von dieser Erkenntnis wollte ich dem freundlichen Monsieur nun - so gut ich es eben konnte - auch auf Französisch antworten…
Er bedankte sich überschwänglich: „Merci Madam, merci boku“ und sogleich stellte er mir die nächste Frage: „Fö siwuple?“, dabei machte er mit Fingern und Daumen, die typisch internationale Handbewegung für Feuerzeug und zeigte mir durch Schnipsen mit dem Daumen an, dass er seine „Cigarett“ auch anzünden wolle. Natürlich gab ich ihm begeistert Feuer, denn ich hatte schon wieder verstanden, was er wollte. Er zündete sich „sein Cigarett“ an und genüsslich schmauchten wir zusammen unsere Cigaretts vis-à-vis der Notre Dame.
Ob der geglückten Kontaktaufnahme strahlte ich meinen Sitznachbarn auf das herzlichste an. Meine Freundin jedoch, versetzte mir einen Stups in die linke Flanke: „Mensch, dass ist doch ein Clochard“, flüsterte sie mir ins Ohr. „Na und?“, antworte ich begierig darauf meine Konversation fortzusetzen. „Wusett Fronkzäse?“, fragte mich der Clochard. Er ahnte natürlich nicht, dass er mich mit dieser Frage gerade zum glücklichsten Menschen der ganzen Welt gemacht hatte. Seine Annahme, dass ich eine Französin sein könnte, beflügelte mich unendlich… Völlig akzentfrei und sicher antworte ich: „Non!“ Derweil grub ich in meinen Gehirnwindungen eifrig nach weiteren Französischbrocken ergänzte: „Je suis Allemande“ und wie durch ein Wunder hörte ich mich fragen: „Et tu? - Tu es Français?“ Worauf mein Sitznachbar mit einem brummigen sehr energisches „Non!“ antwortete. Er lachte, richtete sich auf und sagte mit Stolz geschwellter Brust: „Je suis Corse. – Oui, Madame - Je suis Corse!“ Durch Kopfnicken signalisierte ich, dass ich erneut verstanden hatte…
Unsere kleine Unterhaltung drohte nun in eine politische Diskussion abzudriften. Weiß man doch im Allgemeinen, um den unbändigen Stolz der Korsaren und ihres freibeuterischen Gedankengutes dahingehend, dass sich die Korsen nur zu gern von der Grande Nation lösen würden. Aufgrund einer plötzlich daherkommenden Totalerschöpfung meines französisch Vokabulars, konnte ich das politische Gespräch leider nicht weiter vertiefen, stattdessen sandte ich erneut ein sehr herzliches Lächeln aus, verbunden mit der Feststellung: „Ah… Monsieur - Vous êtes un Pirat!“
Oui, das gefiel dem Korsaren, denn sein Grinsen wurde sogleich noch ein wenig breiter...
Nachdem er sich als "wilder Korsar" geoutet hatte, bemerkte ich auch sofort die große Ähnlichkeit mit einem echten Freibeuter der Meere. Warum war mir das nicht gleich aufgefallen? Sein Gesicht war verwegen und zerfurcht - sicher von den stürmischen Fahrten über die sieben Weltmeere. Borstige Bartstoppeln umkränzten sein Gesicht, es fehlte eigentlich noch ein Holzbein a la Captain Hook und meine Illusion wäre perfekt gewesen. Auch sein Zahnbild entsprach voll und ganz meiner Vorstellung eines raubeinigen Piraten...
Ganz ohne Zweifel hatte ich das Herz dieses Korsaren wahrlich im Sturm erobert. Dann fragte er mich, in welchem Hotel wir wohnen würden, worauf ich ihm klar machte, dass es ein einfaches jedoch sehr gemütliches und sauberes Touristenhotel in der Nähe der Opéra Bastille sei. Obwohl die Vermutung sehr nahe lag, dass unser korsischer Freund wahrscheinlich ohne feste Bleibe in Paris war, versuchte er uns davon zu überzeugen, dass sein Domizil ein "fünf Sterne Hotel!" sei. Als Beweis dafür zog es ein Paar weiße Frotteelatschen aus seiner Plastiktüte, die tatsächlich mit fünf Sternen und dem Namenszug „Hôtel Ritz“ bestickt waren… „Aus welcher Mülltonne hat er die denn gezogen?“, flüsterte mir meine Freundin zu…
Aber es kam noch besser, denn dieser verschmitze Korse zog noch ein weiteres Ass aus seiner Plastiktasche: Eine Einladung zur einer Haute Couture Modenschau von Kenzo, die er uns stolz präsentierte. Völlig verblüfft schauten wir uns die Einladung ganz genau an. Tatsächlich - sie sah echt aus und es war auch keine alte weggeworfene Einladung, sondern eine gültige Eintrittskarte für eine Kenzo-Modenschau am nächsten Tag. Wir konnten uns absolut keinen Reim darauf machen, wie er wohl an diese Einladung gekommen war. "Die hat er doch irgendwo geklaut", kommentiere meine Freundin leise. Der Korse lachte laut auf, als er unsere verdutzten Mienen sah. Mit einem tiefen brummigen „Pour vous!“ drückte er mir ganz jovial den Umschlag mit der Einladung in die Hand und sagte: „Un cadeau!“ - „Pour moi? O merci!“ Ich dankte ihm herzlich und meine Freundin ermahnte mich, dass wir nun endlich gehen sollten, ihr wurde die Sache langsam zu mulmig.
Als unser Freund merkte, dass wir in Aufbruchsstimmung verfielen, lud er uns noch ein, beim nächsten Parisbesuch bei ihm vor Anker zu gehen. Er versicherte uns glaubhaft, dass er ein schönes Haus an der Seine habe. „Jawoll – unter einer Brücke“, flüsterte mir meine Freundin ins linke Ohr, „und fließendes Wasser hat da auch. Gleich vor der Haustür!.“ Er wolle mir schreiben, sagte er zum Abschied und bat mich um meine Anschrift, die ich ihm auch gab. „Biste verrückt!“, raunzte meine Freundin, „du kannst ihm doch nicht deine Adresse geben.“ …
Monsieur schaute mir zum Abschied noch einmal ganz tief in die Augen und fragte: „Voulez vous?“...
Und dann erlebte ich den größten Freundschaftsbeweis, denn man sich überhaupt nur vorstellen kann: Er hielt mir seine halbvolle Rotweinflasche direkt unter meine Nase und lud mich ein, einen kräftigen Schluck daraus zu nehmen: „C'est bon!“, sagte er. Ich dachte jedoch gleich an Herpes und meine Freundin brach in schallendes Lachen aus: „Ich hab´s geahnt“, lachte sie unentwegt, "Ich hab´s ja geahnt, der lädt dich zum Rotweintrinken ein!“ Charmant ohne ihn zu kränken, sagte ich zu meinem neuen Freund, dass ich keinen Alkohol trinken würde. Monsieur bedauerte meine Ablehnung zutiefst. Er setzte den Flaschenhals an seinen Mund und nahm zwei kräftige Schluck Rotwein aus der Pulle. Einen Schluck trank er stellvertretend für mich: „A votre Madame!“, prostete er mir zu. Ich dankte ihm für alles mit einem: „Merci beaucoup Monsieur! Merci.“ Freundlich gaben wir die Hand und verabschiedeten uns mit: „Au revoir Monsieur… et a bientôt!“
Meine Freundin und ich steuerten das nächste Café an und ließen diese unglaubliche Begegnung noch einmal Revue passieren: „Zeig mal die Einladung von Kenzo“, sagte meine Freundin und ergänzte: „Mensch da könnten wir doch eigentlich hingehen.“ Ich zog den Umschlag aus meiner Tasche und war ziemlich erstaunt, denn die Einladung, die wir beide kurz zuvor gesehen und noch genau vor Augen hatten, lag nicht mehr im Umschlag. „Mensch, der hat uns ganz schön veräppelt“, lachte meine Freundin. Da wir im Gespräch nicht herausbekommen haben, wir unser Korse mit Vornamen hieß, tauften wir ihn spontan „Monsieur Kenzo“. Den leeren Umschlag vom echten Kenzo habe ich als Souvenir aufbewahrt, in Erinnerung an eine fast perfekte Konversation mit einem fast echten Franzosen…
P.S.: Ich warte noch immer auf eine Postkarte von Monsieur Kenzo... Aber vielleicht hat er ja seine Nachricht an mich auch als Flaschenpost auf den Weg gebracht und das kann lange dauern, bis diese endlich bei mir ankommt... Der Flaschenpostkasten, so denke ich rückblickend betrachtet, steht sicherlich direkt vor seiner Haustür ;-) ....
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